Antje Engelmann (D)
DIE INITIATION - Last Mother Earth Catalog
DIEresidenz Berlin freut sich, diesen März Antje Engelmann als Residentin
zu Gast zu haben. Während ihres Aufenthaltes lädt sie zu einer partizipativen Performance ein und spricht mit der Kunsthistorikerin Prof. Jordan Troeller über Mutterschaft, Care und Erde als politische und epistemische Beziehung.
Das Treffen markiert den Beginn eines sich öffnenden Dialogformats für das langfristige künstlerisch-editorische Projekt des The Last Mother Earth Catalog.
Mit der Veranstaltung nimmt DIEresidenz Berlin erneut am Frauenmärz vom Bezirk Tempelhof-Schöneberg sowie den Woman Art Open von fair share! Sichtbarkeit für Künstlerinnen teil. Betreut wird das Projekt von der aktuellen Kuratorin-Komplizin Isabelle Meiffert.
Mit der Initiation von The Last Mother Earth Catalog eröffnet die Künstlerin Antje Engelmann einen kollektiven Denk- und Gesprächsraum. Als Ausgangspunkt dient eine performative Überschreibung von Carl Sagans Pale Blue Dot. Die Erde erscheint darin nicht mehr nur als verletzlicher Punkt im Kosmos, sondern als verwundetes, relationales Mitwesen: ein dynamisches Geflecht aus atmosphärischen, biologischen und geologischen Prozessen, das im Sinne der Gaia-Theorie als selbstorganisierendes System begriffen wird.
In dieser Perspektive verschiebt sich die Metapher der 'Mutter Erde': Weg von der Figur einer unerschöpflich gebenden Mutter, hin zu einer reagierenden, vulnerablen und zunehmend widerständigen planetaren Instanz.
In Anlehnung an den historischen Whole Earth Catalog entsteht ein performatives Archiv möglicher Werkzeuge des Überlebens. Es versammelt materielle, soziale und narrative Praktiken, die neue Formen von Fürsorge, Verbundenheit und planetarer Verantwortung denkbar machen.
Gemeinsam mit Prof. Jordan Troeller (Leuphana Universität Lüneburg) wird Gaia als politische und epistemische Figur befragt. Welche Bilder der Erde tragen wir in uns und welche müssen wir neu erfinden?
Die Initiation mündet in einem partizipativen Prozess, in dem Stimmen, Forderungen und Fragmente eines möglichen planetaren Manifests den Raum füllen und Teil des wachsenden Archivs von The Last Mother Earth Catalog werden.
Zur Ausstellung von Antje Engelmann
Beim Betreten der Ausstellung begrüßen uns die Chronolisten: Anthropomorphe Wesen mit einer mich irritierenden Präsenz. Poröse Strukturen und organische Formen, Moos, das wie Fell wirkt und ein von Mörtel und Beton umschlossener Naturstein. Eingearbeitete Klinker verweisen auf ein altes Fundament. Der Titel Chronolisten, eine Wortneuschöpfung der
Künstlerin, legt nahe, dass sie die zeitliche Abfolge ihrer Entstehung erforschen oder offenbaren. Ich kann lediglich bezeugen, dass die aus einem Chronolisten wachsende Esche, von mir zunächst fälschlicherweise für einen Draht gehalten, erst im Ausstellungsraum Blätter auszubilden begann. Die Esche gilt übrigens als Pionierbaum, der Hänge besiedelt. Sie kann bis zu 40 m (!) hoch werden, das ist fast doppelt so hoch wie das Haus, in dem wir uns hier befinden. Ich beginne zu imaginieren, was die Chronolisten, eine Ansammlung unterschiedlicher planetarer Akteur:innen, deren wechselseitig beeinflusste Co-Existenz viele Jahrzehnte vor meiner eigenen Lebzeit begann, noch hervorbringen und bezeugen werden. Wer schreibt unsere Chronologien? Welche Perspektiven integrieren wir?
Hier lässt sich bereits viel über das künstlerische Denken und Handeln von Antje Engelmann ableiten: Moos, der Monarchfalter, eine Rose von Jericho, eine Steinsammlung oder unser Planet werden als Protagonist:innen ihrer Werke in unseren Fokus gerückt. Unsere Aufmerksamkeit verlagert sich auf Prozesse, auf das Leben, das Werden und Vergehen, auf Neuanfänge. Wechselwirkungen unterschiedlicher planetarer Akteur:innen werden deutlich. Unsere Interkonnektivität und das, was Armen Avanessian und Daniel Falb als Biografische Tiefenzeit bezeichnen, das Erfahren geologischer Prozesse und planetarer Zeitlichkeiten in der eigenen Biografie,(1) werden hier für mich erahnbar.
Die im selben Raum installierten Fotografien bewegen sich zwischen Selbstporträt und Stillleben. In der Brechnuss (Nux vomica) erscheint eine Figur mit einem gefundenen, ausgegrabenen und zu großen Teilen zerfallenen Helm. In Verbindung mit der hochgiftigen Brechnuss verweist er auf männliche Dominanz, das Prinzip des ‘Rechts des Stärkeren’ und damit einhergehende Kriegsführung, Landaneignung und deren Konsequenzen für unsere planetare Gemeinschaft. Gleichzeitig wirkt die Figur hybrid – zwischen Mensch, Reptil und Wildkatze – und eröffnet damit eine Perspektive auf evolutionäre Zusammenhänge und Übergänge zwischen Spezies.
Die Steinfrau bezieht sich auf die gleichnamige Malerei von Meret Oppenheim. Hier zeigt sich die Versteinerung des weiblichen Körpers – als Bild für Erstarrung sowie als Speicher von Zeit und Erinnerung. In der Schichtung wird uraltes, gepresstes biologisches Material sichtbar, das Geschichten von Erdzeit und Transformation erzählt. Gleichzeitig thematisiert die Arbeit die Marginalisierung weiblicher Stimmen sowie indigene Perspektiven, die in Verbindung mit Ahnen, Geistern und verschiedenen Ebenen von Existenz stehen, diesseits und jenseits.
Die üppig geerntete Herbstzeitlose tritt als Protagonistin auf und verweist auf ein Moment von Vergiftung innerhalb eines reziproken Systems. Dabei wird der sogenannte ‘Krebsmoment’ in der Pflanze angedeutet – ein innerer Prozess von Wachstum, Entgrenzung und potenzieller Zerstörung. Die Arbeit thematisiert damit fragile Gleichgewichte zwischen Heilung und Gift sowie Wechselwirkungen innerhalb ökologischer Systeme.
In meiner Recherche der letzten Tage ist mir bewusst geworden, dass wir Zeitzeug:innen eines Paradigmenwechsels sind: Die darwinsche Evolution, die nur innerhalb von Gattungen stattfindet, wird innerhalb der Naturwissenschaften mehr und mehr angezweifelt zugunsten einer mehrdimensionalen Co-Evolution, bei der Epigenetik und die wechselseitigen Veränderungen von Lebewesen sowie Kooperationen und Symbiosen eine größere Rolle spielen.(2) Das Leben hat sich in gemeinsamer Evolution mit dem Planeten und in wechselseitigem Einfluss entwickelt.(3)
Das ergibt ein ganz neues Selbstbild des Menschen, das sich auch 1990 stark verändert hat, ausgelöst durch die ikonische Fotografie Pale Blue Dot, das in der Installation Die Initiation des The Last Mother Earth Catalogs reflektiert wird: ein Porträt der Erde aus einer Entfernung von etwa 6 Milliarden Kilometern. Es ist bis heute das Foto der Erde, das aus dem größten Abstand zu ihr aufgenommen wurde. Diese Perspektive auf den winzig erscheinenden, tatsächlich kaum erkennbaren Planeten im Weltall hat den Blick auf die Erde und damit auf die Menschheit verändert, wie der Astronom und Astrophysiker Carl Sagan schon damals kommentierte: “Our posturings, our imagined self-importance, the delusion that we have some privileged position in the universe, are challenged by this point of pale light.”(4)
Diese Einsicht offenbart gleichzeitig eine tiefe eurozentrische Wissenslücke, denn der Gedanke der Symbiose ist in vielen indigenen Traditionen längst gelebte Praxis. Mit diesen Erkenntnissen lässt sich unsere Zukunft eigentlich nur noch kollektiv und kooperativ denken. Wie zärtlich wollen wir miteinander, mit Lebendigem und Nicht-Lebendigem umgehen? Und was könnten mehr Zärtlichkeit und mehr Verbindung verändern?
Engelmann hat die Fotografie Pale Blue Dot und den von Vangelis Musik hinterlegten Kommentar Carl Sagans zum Ausgangspunkt ihres The Last Mother Earth Catalog gemacht. Es handelt sich um eine ökofeministische Antwort auf den Whole Earth Catalog (1968-1972). Bei diesem künstlerisch-editorischen Projekt, an dessen Ende ein Buch stehen soll, dessen Cover wir hier in der Ausstellung mit Engelmanns Titel The Last Mother Earth Catalog appropriiert und gerahmt an der Wand sehen, handelt es sich um weit mehr als einen Katalog. Das im selben Raum kollektiv initiierte Projekt ist mehrjährig, vielstimmig und prozessoffen angelegt. Die Ambient Musik der Installation hat die Künstlerin in Kooperation mit Ann Weller (Cheap Wedding) als Hommage an Vangelis Werke komponiert. Der von Engelmann gesprochene Text ist eine Überschreibung von Carl Sagans berühmter Rede. Er verschiebt den Fokus von der Einsamkeit der Erde im All hin zu einer ökofeministischen Perspektive. Ganz im Sinne von Sagans Ehefrau, der Biologin Lynn Margulis rückt dabei die Verbundenheit allen Lebens durch Symbiose in den Mittelpunkt. Als künstlerisch-spekulatives Projekt fragt The Last Mother Earth Catalog danach, ob und wie wir es schaffen kö nnen, fürsorglich, empathisch und kooperativ miteinander umzugehen, um der Vision einer demokratischen planetaren Gesellschaft ein Stück näher zu kommen.
Isabelle Meiffert
1 Armen Avanessian, Daniel Falb: Planeten Denken. Hyper-Antizipation und Biografische Tiefenzeit, 2024.
2 Kevin Lala et al., Evolution Evolving. The Developmental Origins of Adaptation and Biodiversity, Princeton & Oxford 2024 sowie Armen Avanessian, Gespräch mit Simone Miller: Für eine planetarische Wende in der Ethik, Deutschlandfunk Kultur, 08. Februar 2026 (https://www.deutschlandfunkkultur.de/geschichte-des-lebens-die-planetarische-wende-in-der-ethik-100....)
4 Carl Sagan, Pale Blue Dot: A Vision of the Human Future in Space, New York City 1994. (auf Deutsch: „Unsere Anmaßung, unsere eingebildete Wichtigkeit, die wahnwitzige Vorstellung, dass wir im Universum einen besonderen Platz einnehmen, wird von diesem schwachen Lichtpunkt in Frage gestellt.”)
