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Émilie Delugeau (F)

Dark Romance

Émilie Delugeau inszeniert ihre Motive, wenn Menschen involviert sind. Ansonsten arbeitet sie intuitiv und reagiert mit ihrer Kamera auf ihre unmittelbare Umgebung. Sie bezeichnet Fotografie als ein 'Werkzeug der Begegnung mit der inneren und äußeren Welt' – welche jede für sich von unterschiedlichen Tönen und Stimmungen geprägt sein können...

So besteht auch ihre Ausstellung bei DIEresidenz Berlin aus zwei Teilen, jeweils in Resonnaz mit den zwei unterschiedlichen Räumen, ihrem Licht, ihren Stimmungen. Im ersten Raum zeigt die französische Künstlerin eine Auswahl von Arbeiten, die ihre regelmäßigen Kollaborationen mit Modedesignern bezeugen, insbesondere mit Julie Bourgeois (Tata Christiane), aber auch mit Bernd Mühlmann aus Osttirol, der das Kostüm für die 'Kapuzinerkresse-Seerosenfrau' allein für die Fotografie geschaffen hat. Die bizarren, unter anderem von Diane Arbus inspirierten Arbeiten zeigen zwar Personen – es sind jedoch keine Gesichter zu erkennen und auch die Körper scheinen mal mit der Natur, mal mit dem Raum in Symbiose zu gehen, wodurch die Werke eine surreale Note erhalten. 

Surreal erscheint auch das Kostüm von Lulu Rafano von der Band Bonaparte, den Delugeau schon häufig in seinen extravaganten Kostümen fotografiert hat. Das Kostüm ist in der Ausstellung ein Stellvertreter für den Musiker, der in einer performativen Intervention die BesucherInnen empfangen und Platten auflegen wollte.[1] Der Esprit des monströsen Algenmonsters und seines Interpreten ist über das körperhafte Wandobjekt gleichsam zu erahnen. 

Der Titel Dark Romance gibt die Tonalität des Ausstellungteils im oberen Raum von DIEresidenz Berlin vor, für die die Künstlerin ihre stets quadratische Arbeiten erstmals im Vinyl-Cover-Format drucken lassen hat.[2]Dark Romance lässt an Caspar David Friedrich oder Francisco de Goya und dessen Schwarze Gemäldedenken. Auch die von Émilie Delugeau aus ihrem Archiv ausgewählten Arbeiten sind selbstredend in dunklen, herbstlichen Tönen gehalten, wobei es nur eine Nachtaufnahme gibt. Insgesamt herrscht ein Licht 'entre chien et loup', wie die Franzosen sagen, ein Dämmerlicht, indem man den Hund nicht vom Wolf unterscheiden kann. Und schon sind wir bei Grimms Märchen, ETA Hoffmann oder auch dem neuen Begriff der Dark Romance, einem Genre der Liebesliteratur für junge Frauen, in dem Misshandlungen und toxische Beziehungen alltäglich sind… 

Beunruhigend erscheinen mir die 'Naturbilder' von Émilie Delugeau jedoch nicht, vielmehr sensibel und still, oft melancholisch und manchmal humorvoll, wenn etwa ein Strauß getrockneter Rosen auf das weiß-glänzende Ladegerät eines iPhones trifft. Die meist menschenleeren Szenerien scheinen die Frage nach unserer Verortung in der heutigen Welt zu stellen und geben keine Antwort.  

Das Zusammenstellen einer Serie aus dem Archiv ist eine Art des Arbeitens, die weder an eine bestimmte Zeit noch einen bestimmten Ort gebunden ist – was insbesondere bei einer Residenz üblich wäre. So sind diesen Mai in Friedenau keine neuen Arbeiten entstanden, und dennoch eine neue Serie, welche der Raum, seine Umgebung, sein Kontext und seine Stimmung beeinflusst hat. Das weder zeit- noch ortshomogene Kreieren aus dem Archiv ist nicht neu bei Émilie Delugeau. Diese Art zu arbeiten entspricht vielmehr ihrer Vorliebe zu entschleunigen, einen zeitlichen, gedanklichen, emotionalen Abstand zu ihrer Arbeit zu haben, um sie besser oder neu sehen zu können. Und dies ist per se jeder Fotografie inhärent: der Zeitraum zwischen Sehen und Betrachten.

Conny Becker



[1] Lulu Rafano musste aus familiären Gründen am Vortag der Vernissage nach Frankreich zurückkehren.

[2] Émilie Delugeau hat für die Band Malinamalina bereits ein Plattencover gestaltet, was sicherlich auch ein Impuls für das neue Format darstellt.